Wohnen im Chaos

alter Lesesessel messie

 

Es gibt Beratungen, die beschäftigen mich noch lange Zeit.

Wenn eine Wohnungstür aufgeht und ich in eine Welt des Chaos und Verfalls eintrete. Räume, deren Tapeten bereits vor langer Zeit begonnen haben, sich abzulösen. Fenster, die vor Jahren mit Laken verhängt wurden, weil die altersschwachen Jalousien irgendwann einfach abgefallen sind. Deckenplatten, wie sie meine Großeltern als junges Paar stolz in ihrem Wohnzimmer haben montieren lassen, die Schwerkraft zieht sie nach einer oder zwei Generationen wieder nach unten. Lampen, die nicht funktionieren, Kabel, die lose an der Wand hängen. Räume, finster und stickig, alt und fleckig.

Und darin Schichten eines Lebens, gebildet aus den Dingen, die irgendwann einmal in diesem Leben aufgetaucht sind. Nützliches und Unnützes, Persönliches und Krempel, Bücher, Schallplatten, Kleidung, Notizen. Elektroschrott, Verlängerungskabel, ein kaputtes Radio. Alte Fotos. Ordner mit Zeitungsartikeln aus dem Jahr 1992. Oder 1988. In schiefen Regalen gestapelt, in altersschwachen Schränken versteckt, in Stapeln, in Haufen, in Tüten auf dem Boden verteilt. Der Platz wird knapp nach 20 Jahren, die Dinge fordern ihren Raum. Dazwischen schmale Wege und Durchgänge. Manche Bereiche jahrelang nicht betreten, manche Dinge jahrelang nicht bewegt. Der Staub darauf ist dick und fest. Und der Mittelpunkt des Lebens: eine Couch.

Darin ein Mensch, der gegen das Chaos kämpft. Wie lange schon? Wie geht es ihm damit? Wie fühlt er sich in seinen Räumen und mit seinen Dingen? Sind sie sein Schutzwall oder seine Last?

War es früher einmal anders? Waren diese Räume einmal luftig und lichtdurchflutet?

War das Leben darin einmal leicht?

messie rund

 

 

 

Die Übergänge von Unordnung zu Chaos und dem Messie-Syndrom sind fließend.

 

Den Begriff “Messie” gibt es seit 1985, sowohl die Wissenschaft, als auch die Öffentlichkeit beschäftigen sich erst in den letzten Jahren verstärkt mit dem Phänomen.

Problematisch wird es aus meiner Sicht spätestens dann, wenn der Betroffene großen Leidensdruck hat und sehr unzufrieden mit der Situation ist, wenn der bauliche Zustand der Wohnung betroffen ist, oder es hygienische Probleme gibt.

Es sind inzwischen einige gute Bücher zum Thema erhältlich, zum Beispiel

Informationen und Hilfe findet man auch bei verschiedenen Selbsthilfegruppen und Vereinen. In Norddeutschland etwa bei melano (Landesverband der Messies im norddeutschen Raum) oder in Wien in der Ambulanz der Siegmund Freud Privat Universität.

 

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