Warum die Wohnung unserer Kindheit für uns wichtig ist

Wissen Sie noch, wie Sie als Kind gewohnt haben? Ich meine die Wohnung, in der Sie in den ersten Jahren Ihres Lebens gelebt haben, Ihre allererste Wohnumgebung. Erinnern Sie sich, wie diese Wohnung Ihrer Kindheit ausgesehen hat?

Sind Sie in Gedanken manchmal dort?

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Wenn ich in meiner Arbeit als Wohnpsychologin Menschen frage, wie sie früher gewohnt haben, berichten nur wenige über die Wohnung ihrer Kindheit. Sie erzählen mir von ihrer letzten Wohnung, der schönsten Wohnung oder ihrer allerersten eigenen Wohnung. An die Wohnung ihrer Kindheit denken viele erst einmal nicht.

Dabei prägt uns die Wohnung unserer Kindheit mehr als alle anderen – sie hat nicht nur Einfluss auf unsere jetzigen Vorstellungen vom Wohnen, sondern auch auf unsere Entwicklung und sogar auf unsere Persönlichkeit. Das hat verschiedene Gründe, 2 davon sind aus meiner Sicht besonders interessant.

 

1. Als Kind erlernt man Raumwahrnehmung zum allergrößten Teil im eigenen Zuhause.

Die Räume unserer Kindheit sind die Räume, in denen wir begonnen haben, unsere Umwelt zu erkunden. Wir haben darin laufen gelernt, haben begonnen, den Raum um uns zu erforschen und zu erfahren. Dabei ist es so, dass in den ersten vier Lebensjahren die Wahrnehmung von Räumen noch rein auf Gefühlen von Vertrautheit oder Fremdheit und Zusammengehörigkeit oder Unterschiedlichkeit beruht. Räume werden in diesem frühen Alter noch nicht in Entfernungen, Perspektiven oder Proportionen wahrgenommen und eingeordnet. Die Räume, in denen das Kind aufwächst sind zu Beginn also quasi Bestandteil des eigenen Erlebens. Geschehnisse und Emotionen kann das Kind noch nicht von den Räumen trennen, in denen es diese erlebt. Der Raum wird erst später, ab einem bestimmten Entwicklungsstand als unabhängige Struktur wahrgenommen.

Das heißt aber auch, dass die Räume unserer Kindheit quasi unsere persönlichen Raum-Prototypen sind. An ihnen gleichen wir alle anderen ab, ob bewusst oder unbewusst.

Es gibt außerdem Belege dafür, dass die Wohnumgebung, in der man im Alter zwischen drei und sechs Jahren gewohnt hat, einen nicht unerheblichen Einfluss darauf hat, welche Umgebung man später als schön empfindet. Wir lernen also nicht nur Raumwahrnehmung in den Räumen unserer Kindheit, sondern bilden darin und dadurch auch unsere ästhetischen Vorlieben aus.

 

2.  Unser Zuhause, also unsere Wohnung, ist immer Träger von Erinnerungen. 

Unsere Persönlichkeit, unser Ich, beruht zu einem wichtigen Teil auf unseren Erinnerungen. Wenn Menschen ihr Gedächtnis verlieren, zum Beispiel nach einem Unfall, dann wissen sie plötzlich nicht mehr, wer sie eigentlich sind.

Wir wissen, wer wir sind, weil wir wissen, was wir erlebt haben. Und Erlebnisse haben immer einen Ort. Diese Orte werden dadurch gleichzeitig auch Teil unserer Ich-Identität. Dafür gibt es einen Begriff, nämlich Ortsidentität. Der Ort, an dem sich unser Leben abspielt, ist ein Teil von uns selbst.

Zu den Orten, an denen wir viel Zeit verbringen und die uns wichtig sind, bauen wir zudem eine emotionale Bindung auf. (Auch dafür gibt es einen Begriff: die Ortsbindung.)

Unsere Kindheitswohnung prägt also unsere Raumwahrnehmung und hat Einfluss darauf, was uns später gut gefällt oder weniger gut, sie ist Teil unserer Identität und wir haben eine emotionale Bindung zu ihr.

Ich finde, das ist ein ziemlich großer Einfluss, den die Räume unserer Kindheit auf uns haben!

 

 

Dachboden mit Fenster

 

Aber inwiefern beeinflusst das unser jetziges Wohnen?

.) Die Qualität einer Wohnsituation messen wir an unseren bisherigen Wohnerfahrungen. Frühere Wohnungen bilden die Bezugsgröße für die Bewertung der aktuellen Wohnung. Es ist einleuchtend, dass dabei unsere „Raum-Prototypen“ – also die Wohnräume unserer frühen Kindheit, eine wichtige Bezugsgröße darstellen.

.) Wir haben einen engen emotionalen Bezug zu den Räumen unserer Kindheit – der ist nur im Alltag  meist nicht spürbar. Spüren können wir diese Gefühle aber dann, wenn wir uns in Räumen aufhalten, die uns irgendwie an die Räume unserer Kindheit erinnern.

.) Unserer ästhetischen Vorlieben haben ihre Wurzeln in den Räumen unserer Kindheit. Ob uns Räume, Wohnungen oder auch Einrichtungsgegenstände gefallen, kann daran liegen, ob sie den Räumen unserer Kindheit gleichen, zumindest in bestimmten Merkmalen. (Die runden Formen der 60-er Jahre Kommode,  der Korkboden, der rote Samt eines Kissens).

 

Das Schöne daran ist nun:

Wenn ich weiß, wie meine Kindheitswohnung ausgesehen hat, und wenn ich weiß, welche Raumeigenschaften oder Einrichtungsgegenstände mich emotional positiv ansprechen, dann kann ich mir diese Dinge in meine jetzige Wohnung holen. Ich kann mir damit etwas Gutes tun, mich mit Dingen umgeben, die mir gefallen, mir eine Wohnsituation schaffen, mit der ich glücklich bin.

Wohnzufriedenheit hat also ein bisschen auch mit dem Wissen um das Wohnen in der Kindheit zu tun.

 

… und jetzt sehen Sie sich einmal um:

Gibt es in Ihrer jetzigen Wohnung irgendetwas, das Sie an die Wohnung Ihrer Kindheit erinnert? Gibt es vielleicht sogar Elemente in Ihrer jetzigen Wohnung, die es schon in Ihrer Kindheitswohnung gab? Eine bestimmte Kommode, ein Deko-Element. Oder einen baulichen Aspekt Ihrer Wohnung, wie einen Erker, den Parkettboden, oder die Raumanordnung? Vielleicht finden Sie bei sich Zuhause ja schon Elemente Ihrer Kindheitswohnung wieder, die Sie gern mögen, die Ihnen gut gefallen, die Ihre Wohnzufriedenheit erhöhen. Das ist gut! Das heißt, Sie nutzen schon die positive Energie Ihrer Kindheitsräume für sich.

Finden Sie nichts aus Ihrer Kindheitswohnung wieder? Dann schauen Sie doch noch einmal genauer zurück: Gibt es Möbel, Einrichtungsgegenstände oder auch Einrichtungslösungen (zum Beispiel ein Alkoven oder eine Wohnküche) aus Ihrer Kindheitswohnung, die Sie gerne wieder um sich hätten?

Manchmal sind es ganz kleine Dinge: Ein Kissen in einer bestimmten Farbe; die Farbe eines Vorhangs aus Ihrer Kindheitswohnung, den Sie stundenlang anschauen und in dem Ihr Blick versinken konnte. Der Türknauf einer Kommode; genauso einen hatte Ihr Wäscheschrank als Kind. Die etwas altmodischen Korkuntersetzer, deren mondartige Oberfläche Sie als so Kind fasziniert hat.

Solche kleinen Dinge lassen sich einfach ins Jetzt holen. Gehen Sie mit offenen Augen durch Einrichtungshäuser, Möbelläden oder über Flohmärkte. Sie werden staunen, wie oft Sie Bezüge zu Ihrer Wohnvergangenheit finden können.

Manchmal sind es aber auch bauliche Elemente, die man schon als Kind toll fand: Der Fenstersitz. Der Dielenboden. Das kuschlige kleine Zimmer, in dem man geschlafen hat. Dann wird es schon schwieriger. Aber vielleicht können Sie mit etwas Planung ein solches Elemente nachbauen. Und wenn nicht, bewahren Sie sich das Wissen um Ihre Wohnvorliebe für die nächste Wohnungssuche auf. Mit etwas Glück finden Sie den Erker, die Dielen oder das kleine kuschlige Zimmer in Ihrer nächsten Wohnung wieder.

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