Wider die Beliebigkeit

1.

Ich war vor ein paar Wochen zum ersten Mal in der kleinen Stadt Wernigerode. Sie liegt im Harz, die schöne Landschaft ist ein beliebtes Ausflugsziel für Wanderer, deshalb fuhr auch ich in diese Gegend. Von Hamburg aus ist man mit dem Auto in gut 2 Stunden dort. Ich wollte auf den höchsten Berg im Umkreis marschieren, den Brocken, suchte in der Umgebung ein Quartier und fand in Wernigerode eine nette Frühstückspension. Ich wusste bis dahin nicht viel von Wernigerode.

Als ich dort ankam, traute ich meinen Augen kaum. Wernigerode ist eine Stadt, die – anders als die allermeisten Städte in Deutschland oder Österreich – wie aus einem Guss wirkt. Die Innenstadt von Wernigerode besteht fast vollständig aus Fachwerkhäusern aus dem 16. und 17. Jahrhundert.

Aber nicht nur die Fußgängerzone und innere Stadt, sondern auch weite Teile der umgebenden Bereiche von Wernigerode bestehen aus Altbauten und passen zum mehrere Jahrhunderte alten Stadtkern.

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Klar findet man auch in Wernigerode hie und da Gebäude aus den letzten Jahrzehnten, es gibt natürlich Tankstellen und Supermärkte, oder auch mal ein Verwaltungsgebäude aus den 60ern. Der überwiegende Teil der Häuser ist aber viel älter, nicht wenige sind schon 500 Jahre alt.

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Renovierungsbedürftige Häuser werden zumeist mit großem Aufwand saniert. Neues und Notwendiges wird behutsam an das Gesamtesemble angepasst und vorhandene Gestaltungselemente aufgenommen. Alles macht den Eindruck einer bedachten und wertschätzenden Gestaltung – sowohl städtebaulich, als auch im Einzelnen.

Ich bin zwei Tage lang total beglückt durch die Straßen spaziert, habe hinter jeder Ecke ein neues Detail oder ein neues Häuseresemble entdeckt, und habe mich gefragt, was es eigentlich ist, das mich an so einer Umgebung so berührt.

Die Antwort ist: Es ist die Abwesenheit von gestalterischer Beliebigkeit. Es ist die Abwesenheit von gedankenloser Umgebungsverschandelung, wie sie vorkommt, wenn ohne Bezug zum Vorhandenen gebaut wird.

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Keine Toskanavillen neben Schwedenhäusern neben mit Dämmplatten bis zur Unkenntlichkeit veränderten Wohnhäusern aus allen möglichen Jahrzehnten. Kein Mix aus Bürobauten aus den letzten 50 Jahren, mal verspiegelt, mal Beton, mal großflächig mit Firmenlogos bemalt. Keine Bauklötze, die Sichtachsen verstellen oder deren Proportionen alles Vorhandene sprengen.

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Natürlich ist Wernigerode nicht einfach eine im 16. Jahrhundert eingefrorene Stadt und baulich auch nicht aus einem Guss. Und das, was für uns heute als Einheit daher kommt, ist auch über Jahrhunderte hinweg entstanden. Neben Häusern aus dem 16. Jahrhundert ist zum Beispiel das Schloss, dessen Ursprünge im 12. und 13. Jahrhundert liegen, in seiner jetzigen Form erst Ende des 19. Jahrhunderts gestaltet worden. Laut Wikipedia “ein Leitbau des norddeutschen Historismus”.

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Und dennoch bewirkt eine solche Umgebung bei mir… visuelle Entspannung. Wenn man sich in der Innenstadt von Wernigerode bewegt, fühlt man sich in eine andere Welt versetzt. Fast wirkt es unecht. Ein bisschen wie in einem Museum. Wernigerode ist aber kein Museum. Es ist eine lebendige Stadt, die offensichtlich von ihren ästhetischen Werten auch gut leben kann – Touristen gibt es jedenfalls viele dort. Museal wirkt es nur deshalb, weil wir es nicht mehr gewöhnt sind, in einer nicht völlig verschandelten oder nicht beliebig bebauten Umwelt zu leben.

 

2.

Vorige Woche habe ich Tarek Leitner, Journalist und Nachrichtensprecher beim Österreichischen Rundfunk  kennengelernt. Er hat auf einer Immobilientagung einen Vortrag gehalten und danach sein Buch signiert. Das Buch heißt „Mut zur Schönheit“ und ist eine Streitschrift gegen die Verschandelung Österreichs. (Brandstätter Verlag, 2012)

Tarek Leitner beschreibt in diesem Buch, wie sich unsere Umgebung in den letzten Jahren und Jahrzehnten verändert hat – und zwar zum Hässlichen hin. Er zeigt auf, wie wirtschaftliche Interessen unsere Umwelt gestalten – beziehungsweise eigentlich nicht gestalten im Sinne von: bewusst Formen, Farben und Stilelemente einzusetzen, um etwas Ästhetisches und mit seiner Umwelt in Beziehung stehendes zu schaffen. Sondern gestalten im Sinne von: Irgendetwas hinklotzen und damit gestalterische Tatsachen zu schaffen. Er prangert die Beliebigkeit des Bauens an.

Tarek Leitner erzählte mir, er habe sich dieses Thema von der Seele schreiben müssen, und sei erstaunt, welche Resonanz er seither erlebe.

Sein Buch spricht auch mir aus der Seele.

Ich stehe oft fassungslos vor einem neuen Firmengebäude, das am Rand einer kleinen Stadt mitten in eine schöne Landschaft gestellt wurde, und diese Landschaft und das Ortsbild jetzt kilometerweit visuell dominiert.

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Ich stehe fassungslos vor den Trümmern einer über 100 Jahre alten Donaubrücke, die das Stadtbild meiner Heimatstadt geprägt hat, und die ratz fatz abgerissen wurde, weil die Renovierung angeblich zu viel gekostet hätte und sie nicht in das zukünftige Verkehrskonzept passt.

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Und noch fassungsloser stehe ich vor dem Entwurf der Brücke, die stattdessen dort gebaut werden soll und das Stadtbild für die nächsten Jahrzehnte prägen wird.

Ich schaue fassungslos auf ein altes Dorf, in dem die Mehrzahl der Häuser mit dicken Dämmplatten zugeklebt wurden und die nun – wohl um sie wieder unterscheidbar zu machen, in knalligen Farben und mit Mustern bemalt wurden – Blockstreifen, riesige Rauten, Kontrastfarben zur Hervorhebung der Fenster. Was entsteht, ist ein Chaos aus Farben und Formen, die völlig unverbunden nebeneinander stehen und jeglichen Bezug zum Dorf oder zur Umgebung verloren haben.

Ich fahre durch Oberösterreich und stelle fest, dass die traditionelle Art zu bauen und die über Jahrhunderte entstandenen Gestaltungsmerkmale verschwinden. Die früher unsere Ortschaften prägenden Gestaltungselemente, Proportionen und Baumaterialien werden nicht mehr eingesetzt. Aber mehr noch: Dort, wo sie noch vorhanden sind, werden sie mit Dämmplatten zugekleistert, mit Knallfarben übertüncht oder mit formlosen Anbauten verschandelt. Oder gleich ganz abgerissen.

Als Wohnpsychologin weiß ich: Unsere Umgebung hat Einfluss auf uns. Es macht etwas mit uns, wenn wir von einer visuell harmonischen Umwelt umgeben sind. Es macht aber auch etwas mit uns, wenn wir von Hässlichkeit oder gestalterischer Beliebigkeit umgeben sind.

 

3.

Tarek Leitner fragt sich in seinem Buch, warum nicht andauernd ein Aufschrei durch Gemeinden oder unsere Gesellschaft im Gesamten geht. Warum sich niemand wehrt gegen die Verschandelung der Umwelt und die Zerstörung der Bilder, die wir sehen, wenn wir in unser Land schauen.

Das ist eine gute Frage. Warum ist das so?

Um nicht missverstanden zu werden: Ich muss nicht in einer Welt voller Wernigerodes leben. Es muss auch nicht immer nur Altbau sein. Wernigerode hat mir nur gezeigt, wie anders sich eine Umgebung anfühlt, die nicht völliger Beliebigkeit ausgesetzt ist. Es geht mir also um ein bewusstes Gestalten der Umwelt. Bauen mit Bezug zum Vorhandenen, zur Nachbarschaft und zur Region.

Ein bisschen hoffnungsfroh stimmt es mich, wenn ich feststelle, dass das Thema offenbar doch mehr Menschen beschäftigt, als der Blick aus dem Autofenster bei der Fahrt durch viele Gegenden Österreichs oder Deutschlands nahelegt.

Ein aktueller Artikel in der Wirtschaftswoche mit dem Titel „Deutschland deine Dörfer“ beschreibt ebenfalls das Phänomen der Zerstörung der alten Dörfer durch bauliche Beliebigkeit – zeigt aber auch auf, dass sich da und dort Widerstand regt. Es gibt Dörfer und Gemeinden, die klare Gestaltungsvorgaben machen und baulicher Willkür Grenzen setzen. (http://www.wiwo.de/erfolg/trends/heimatkunde-alte-haeuser-bergen-und-neue-architektur-in-den-bayerischen-wald-bringen/14582656-3.html). So werden dort zum Beispiel „ortsunübliche Gestaltungsmittel“ verboten oder die Ansiedlung von Gewerbegebieten am Ortsrand verhindert. Ziel ist eine Belebung und Aufwertung der Dorf- und Stadtkerne und ein Bewahren der regionalen Baukultur.

Solche Beispiele zeigen, dass es möglich ist, die eigene Umwelt im positiven Sinn zu gestalten und Verschandelung zu verhindern. Es braucht dazu Menschen, die sich diesem Problem zuwenden und versuchen, Einfluss darauf zu nehmen, was wo wie gebaut wird.

Ich würde mir wünschen, dass das Thema breiter diskutiert würde.

2 Kommentare

  1. Liebe Barbara, du hast ja so recht . Auch wenn man durch 1 A Wohngebiete geht , sind diese nur noch von Individualismus geprägt . Am schlimmsten finde ich die Renovierungen, in den Augen der Eigentümer Modernisierungen , die über Jahrzehnte immer wieder in Etappen vorgenommen wurden,.Zum Schwarzwaldhäuschen ein Edelstahlgeländer oder ein Steingarten – bei uns im Saarland bekommt jedes 3. Haus einen japanischen Touch !
    Oder man ständert windige Balkon vor oder stockt ein ,, Penthouse ” auf das 60iger- Jahre Haus . Alte Stadtvillen mit Park müssen Mehrfamilienhaus Betonklötzen weichen ….
    Man fragt sich wirklich, wo da die Stadtplanung bleibt…;
    Liebe Grüße , Steffi

    • wohnpsychologin

      Liebe Stefanie,
      ja, das ist die große Frage. Meine Vermutung ist, dass der Themenkomplex Gesamteindruck – Ortsbild – Bautradition in vielen Gemeinden einfach überhaupt kein Thema ist. Da ist einfach keiner, der diesen Aspekt in Entscheidungsprozesse mit einbringt. Und ein zweiter Gedanke zum Thema Beliebigkeit beim Bauen: Hausbau bzw. Hausgestaltung ist für viele auch ein Ausdruck von Individualität. Gerade beim eigenen Haus, das ja auch oft mit viel finanziellem und dadurch persönlichen Einsatz geschaffen wird/wurde, soll dann alles genau so sein, wie man es selber schön findet. Da wird dann einerseits gern das große Ganze vergessen (daher Edelstahlgeländer zum Schwarzwaldhäuschen) und die Nachbarschaft bzw. das Ortsbild schon gar nicht bedacht.
      Herzlichen Gruß
      Barbara

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