Hoch hinaus

 

Ich war kürzlich auf dem höchsten Gebäude Chicagos. Ein eindrucksvolles Erlebnis. Auch wenn das Hochhaus von außen gar nicht so arg aussieht (es ist das dunkle im Hintergrund mit den hellen Antennen).

 

Aber schon der Eingangsbereich ist beeindruckend.

Und auch die Fahrt mit dem Aufzug vom 1. in den 103. Stock (mit ca. 30 anderen Personen) nach circa 1,5 Stunden Anstehen ist, sagen wir mal, spannend. Oben angekommen tritt man aus dem Fahrstuhl, geht um die erste Ecke und bleibt unwillkürlich stehen. Der Blick: atemberaubend.

Interessant ist, dass einem beim ersten Blick nach draußen zwar der Atem stockt und man fast ehrfürchtig an die Fensterfront herantritt. Aber gleichzeitig hat man hat keine richtige Vorstellung mehr von der Höhe, in der man sich befindet. Man steht oben, schaut hinunter und es ist einfach sehr hoch. Aber wie hoch? Doppelt so hoch, wie der Blick aus einem „normalen“ Haus? 10 Mal so hoch? 20 Mal? Man kann es nicht einschätzen. Genau so gut könnte man in einem Flugzeug sitzen.

Der Willis Tower (früher hieß er Sears Tower, weil der Sears-Konzern Auftraggeber des Baus war und dann seinen Firmensitz darin bezog) wurde ab dem Jahr 1970 gebaut. Als der Bau 1974 fertiggestellt wurde, war er mit 442 m Höhe und 108 Stockwerken das höchste Gebäude der Welt. Mit den Antennen hat er sogar 527 m. Bis 2004 war er noch das Gebäude mit dem höchsten Dach der Welt.

Vor ein paar Jahren hat das Gebäude, das ein Touristenmagnet ist, eine zusätzliche Attraktion bekommen: „The Ledge“, das sind 4 Glasloggien, die man von der Aussichtsebene aus betreten kann. Und Glas meint: alles aus Glas, auch der Boden. Im 103. Stockwerk (!). 412 m über dem Straßenniveau (!!).

DAS ist eine Erfahrung…

Huch, erwischt. Hier nochmal mit Foto-Gesicht…

 

Im 103. Stockwerk über die Fassadenflucht nach außen zu treten, kostet doch einiges an Überwindung. „Tu es nicht!“ sagt einem die innere Stimme recht eindringlich. Gut, dass man erst hinterher erfährt, dass vor 2 Jahren plötzlich die Bodenglasplatte eine der Loggien in 1000 kleine Teile zersprang, als vier Männer draußen standen. Glücklicherweise war es nur die Abdeckplatte, nicht die tragende Glasplatte, sodass nichts passierte, außer dass 4 Männer aus Californien den Schock ihres Lebens bekamen…).

Bei mir blieb alles entspannt, soweit das bei dem Adrenalinpegel möglich ist.

Was ich mich gefragt habe, als ich da oben stand und auf die Straßen hinunter schaute:

Warum bauen Menschen so hoch? Was treibt sie an, Häuser zu bauen, die gefühlt jeden Maßstab sprengen?

Beim Willis Tower kamen wohl verschiedene Aspekte zusammen. Der Bauherr, die Firma Sears Roebuck and Company, die 1969 alleine in Chicago etwa 350.000 Angestellte hatte, brauchte ein neues Firmenquartier und man wollte die Größe (und Macht?) des Konzerns auch im Gebäude abgebildet haben. 1970 sagte der Sears Chairman Gordon Metcalf sinngemäß: Als größter Wiederverkäufer der Welt sollten wir die größte Firmenzentrale der Welt haben.

Aber auch der Architekt wollte hoch hinaus. Ihm scheint es unter anderem darum gegangen zu sein, technische Lösungen zu entwickeln, die es überhaupt erst ermöglichten, so hoch zu bauen. Das Hauptproblem bei so hohen Gebäuden wie dem Willis Tower ist der Wind, und der ist gerade in Chicago, der „windy city“, für hohe Bauten eine besondere Herausforderung (der Link führt zu kurzem englischen Info-Video zum Thema). Mit der herkömmlichen Skelettbauweise konnte man nur bis zu 40 Stockwerke hoch bauen. Der Architekt des Sears- bzw. Willis-Tower Fazlur Kahn entwickelte das System der gebündelten Röhren (bundled tubes), mit dem es möglich wurde, viel höher zu bauen. Diese Bauweise kam zum ersten Mal beim Sears-Tower zum Einsatz. Das Prinzip kann man sich vorstellen wie Zigaretten, die man aus einer Zigarettenpackung klopft und die unterschiedlich weit aus der Packung stehen. Der Tower besteht aus mehreren unterschiedlich langen Röhren, die miteinander verbunden sind und dadurch stabiler werden. Siehe noch einmal das schon oben verlinkte Video).

Es geht beim Bau außergewöhnlicher Gebäude ja nicht selten darum, die Grenzen des technisch Machbaren zu verschieben.

Was aber macht es mit Menschen, so weit oben zu sein – zu arbeiten, zu wohnen? Gebäude dieser Höhe, und nicht nur solche, sondern auch schon weniger hohe Wolkenkratzer, sprengen ja den menschlichen Maßstab. Wir sind als ursprüngliche Steppenbewohner eher an maximal baumhohe Strukturen angepasst, wir orientieren uns in der Umgebung so, wie es unser Blickwinkel zulässt und der erfasst eben – außer aus vielen Kilometern Entfernung – ein solches Gebäude nicht mehr. Es ist schlichtweg unmöglich, von der Straße aus, die ganze Höhe des Gebäudes mit einem Blick zu erfassen. Und wer schon einmal durch die Straßen einer amerikanischen Großstadt wie New York oder Chicago gelaufen ist, weiß, dass man die Touristen daran erkennt, dass sie mit in den Nacken gelegtem Kopf rumlaufen und Blick gen Himmel herumlaufen oder -stehen.

 

Es braucht auch – das kann ich aus eigener Erfahrung so sagen – Vertrauen in die gebaute Struktur und die Technik. Man muss darauf vertrauen, dass dieses riesige, menschengemachte Ding nicht einfach zusammenbricht, sich zur Seite neigt und umfällt oder plötzlich im 103. Stockwerk ein Fenster dem starken Wind nachgibt.

Und es ist im Alltag nicht möglich, ein solches Gebäude zu nutzen, ohne sich auf Aufzüge und Klimaanlagen zu verlassen. Denn weder kommt man in angemessener Zeit und angemessenem Zustand in ein Stockwerk über dem sagen wir mal 25, noch lassen sich dort oben Fenster öffnen, um frische Luft herein zu lassen.

Tut uns das gut? Können wir uns in so einem Gebäude wohlfühlen?

Wahrscheinlich ist das individuell recht unterschiedlich.

Manche Menschen haben so weit oben Angst. Man sieht es, wenn man auf der Aussichts-Etage des Willis-Towers in die Gesichter der Menschen aus aller Welt schaut: Manche fasziniert, einige unbeeindruckt, aber nicht wenige auch mehr oder weniger ängstlich. Ich habe Menschen gesehen, die nicht näher als 3 m an die Fensterfronten herantreten wollten, und Kinder, die sich an die Beine ihrer Eltern klammerten.

Andererseits, was für ein Gefühl von Freiheit und Erhabenheit kann es sein, sich über den Wolken zu befinden, weit über all den Alltagsproblemen, den Autos, den vielen Menschen, dem Lärm! Es ist ein bisschen wie auf dem Berg. Man steht oben, fühlt sich dem Himmel, den Wolken, den Sternen näher und bekommt eine wohltuende Distanz zum Alltagstrubel weit unten.

 

 

Beim Wohnen weiß man, dass es Menschen gibt, die am liebsten im Erdgeschoss wohnen und die es auch gern ein bisschen höhlenartiger mögen, und andere, deren Wohntraum eine Dachgeschosswohnung, mit Blick in den Himmel und niemanden im Stockwerk darüber ist. Die Vorstellung, jeden Tag aus dem Wohnzimmerfenster zu blicken und die Veränderung des Himmels und der Wolken, das Wetter und das Licht so unmittelbar mitzuerleben, finde ich schon faszinierend.

Und der Trend geht ja weiterhin zu sehr hohen Häusern, nicht nur in Metropolen wie Chicago, New York oder Dubai, wo das derzeit höchste Gebäude der Welt steht (der Burj Khalifa mit 829 m!). Auch in Städten wie Linz in Österreich, wo gerade der Bruckner-Tower gebaut wird, der mit immerhin 32 Stockwerken auf 94 m auf Platz 15 der Liste der höchsten Häuser Österreichs landen wird.

Im Gespräch mit einer Redakteurin aus Südkorea wurde mir letztlich auch noch einmal deutlich,  dass Hochhausbau auch schlicht aus Platzmangel passiert. In Seoul gibt es ganze Stadteile, die aus Apartment-Hochhäusern bestehen. Es müssen dort einfach viele Menschen auf wenig Grundfläche untergebracht werden.

Ob wir es gut finden oder nicht, ob wir uns so weit oben wohlfühlen oder nicht, die Zeit der Höhenrekorde scheint mir jedenfalls noch nicht vorbei. Und faszinierend ist es allemal.

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